Published on // By Johannes

Coast to Coast – Teil 4: Ziel einer langen Reise

FahrradUSA LifestyleSport

Nach Teil 3 nimmt nun mit dem vierten und letzten Kapitel, das Fahrrad-Abenteuer ein Ende. Lukas und Marian durchquerten die USA mit dem Drahtesel. Zum Tage-Reiselogbuch der beiden Fahrer geht es hier entlang.

Hier folgt der letzte Beitrag auf deutsch nach 89 Tagen Abenteuer:

Verwunderung und Traurigkeit.

4th July – Lake Tahoe. Beginnen wir vorne und knüpfen an den letzten Beitrag an. Die Grenze zwischen Nevada und Kalifornien läuft am Lake Tahoe durch den See mitten hin durch. Somit kamen wir am Lake Tahoe nach Kalifornien. Aber um dorthin zu gelangen mussten wir den Daggett Summit mit 2235 m erklimmen. Dies ist eigentlich gut machbar, aber wir hatten an diesem Tag ungeheuren Gegenwind und dieser erschwerte uns das Leben. Umso größer war dann aber die Freude nach dem wir den Gipfel erreichten und uns bis zum See rollen lassen konnten. Unten angekommen erwartete uns eine Las-Vegas-artige Stadt mit vielen Touristen, die für den 4ten Juli angereist waren. Zuerst war dies ein großer Schock, weil wir einfach so viele Menschen nicht gewöhnt waren. Aber die Gewöhnungsphase war schlussendlich schnell überstanden und wir machten uns Sorgen um ein Schlafplatz. Wie so oft steuerten wir den nächstbesten Campingplatz an und hofften auf nicht wahrgenommene Buchungen. Die Ernüchterung kam am City of Lake Tahoe Campground als uns gesagt wurde, dass alles ausgebucht sei. Wir waren gerade wieder am wenden, als plötzlich von hinten eine Stimme erklang und uns sagte, dass wir eventuell Glück haben, da ein Platz doch frei wäre. Dieser wäre aber nur für eine Nacht und dann müssten wir weitersehen. Wie immer hörten wir so etwas sehr gern und waren einverstanden, dass es eben nur für eine Nacht wäre. So verbachten wir unsere erste Nacht 250 m entfernt vom See. Am nächsten Tag war aber wieder das Bangen groß, ob wir auf dem Zeltplatz bleiben konnten. Aber das Glück war uns aufs Neue hold und wir mussten nur umziehen. So bestand unser erster volle Tag am See aus einkaufen und relaxen. Als wir vom See zurück schlenderten fielen uns auf unserem Platz der letzten Nacht Zelte mit deutschen Fähnchen auf.

Mit dem Fahrrad Yosemite

Im ersten Augenblick dachten wir mit rollenden Augen, immer diese deutsche Touristen… Aber als wir im späteren Verlauf des Tages noch einmal an den Zelten vorbeikamen, sahen wir dass es eine kleinere Gruppe an jungen Leuten war. So sprachen wir sie an und es stellte sich heraus, dass es Pacific Crest Trail (PCT) Wanderer waren. Diese Wanderer haben sich zur Aufgabe gemacht, dass sie in 6 Monaten den kompletten Weg von der mexikanischen Grenze bis zur kanadischen Grenze laufen. Somit waren die Weitwanderer (Thru-Hiker) Brüder im Geiste und wir verstanden uns aufs Erste prächtig. Abends trafen wir uns auf einige Bier und gingen zusammen an den See um uns das Independence Day Feuerwerk anzusehen. Dies ist erwähnenswert, nicht nur weil es um den kompletten See überall funkelte und strahlte, sondern weil nach den besagten Feuerwerken einer der deutschen seine Trompete auspackte und die erste Strophe der “The Star-Spangled Banner” (Nationalhymne der USA) schmetterte. Es wurde um uns ruhig und alle waren gebannt vom spontanen und souveränen Auftritt. Als die letzten Klänge des Blechinstruments über die Wellen fegte begann ein lauter und ehrlicher Applaus für den jungen Deutschen. Danach feierten wir noch einige Stunden auf dem Zeltplatz gebührend den Tag und legten uns erst sehr spät (früh?) ins Zelt.

Mit dem Fahrrad Yosemite

Nach vier erholsamen und faulen Tagen am See drängte uns unsere innere Stimme zum Weiterfahren. Aufgrund unseres Trainings und des schnellen Vorankommens in Kansas waren wir unserem Zeitplan weit voraus und wir entschieden uns für eine herausfordernde alternative Route nach San Francisco. Deswegen mussten wir als erste Aufgabe den Daggett Summit nochmals erklimmen und waren somit wieder in Nevada. Konnten aber damit die 6000 km vollmachen *Yahhhy*. Unser Weg führte uns immer südlicher am Rande der Sierra Nevada entlang. Wir kamen an einem wunderschönen See namens Mono Lake vorbei und sahen verbrannte Erde und Wälder durch vergangene Buschfeuer. Des Weiteren wunderten wir uns über Straßennamen wie ‘Stones Throw Road’ oder ‘Ray May Way’. Wer nimmt in den Gebieten dort zu viele Drogen? … Aber da wir den Devil’s Gate Pass (2291 m) bezwungen hatten, wunderte uns nicht mehr allzu viel.

Mit dem Fahrrad Yosemite

Endgegener

Schließlich nach Lee Vining, einer schönen Touristen Ortschaft mit guten Burgern, kam der selbstgewählte ENDGEGNER – die letzte wirkliche große Anstrengung vor dem Pazifik – der Tioga Pass mit sagenhaften 3031 m Höhe. Als wir den langen Anstieg sahen, hörten wir Gandalf zu Balrog rufen,“Go back to the Shadow! You shall not pass!”. Doch wir quälten uns mit Gegenwind, Kälte, starkem Verkehr und einem endlosen Anstieg Meter um Meter den Pass hinauf. Links und rechts von uns sahen wir graues und abweisendes Gestein. In der Ferne auf angrenzenden Gipfeln konnte man weiße Flächen bestehend aus Schnee erahnen. In dieser Situation am Hang mit unseren vollgepackten Rändern machten sich die letzten 6000 km Training bezahlt und nach einigen Stunden konnten wir das Eingangs-Ranger-Häuschen vom Yosemite National Park erblicken. Ein Glücksgefühl breitete sich in uns aus. Was sollte jetzt noch schief gehen? – Schock – Am Haus des Eingangsportal angekommen sagten die Rangerin zu uns, dass alle Zeltplätze im Park restlos besetzt wären. Am Wochenende wäre dies der Normalfall. Wochenende? Welcher Tag war es denn überhaupt? Freitag. Wir hatten die Wochentage komplett ausgeblendet und wir ärgerten uns über unsere Unbedachtheit. Aber was blieb uns übrig? Zurück ins Tal und auf Montag warten? Nochmal den Schicksalsberg besteigen? Fuck it, wir setzten auf unser Zeltplatz-Glück und fuhren weiter in den Park hinein.

Mit dem Fahrrad Yosemite

Die Landschaft war atemberaubend. Berge, Flüsschen, Bambis und wunderschöne Wälder. Sollte man selbst gesehen haben – ohne Witz. Aber natürlich waren wir nicht die Einzigen. Touristen waren allgegenwärtig. Wir ja eben auch. Seltsamerweise war es aber selten störend. Störend war eher, dass wir davon ausgegangen waren, dass es nach dem Tioga Pass nur bergab gehen würde. Das war nicht der Fall. Wir mussten immer wieder mit Anstiegen kämpfen. Wir fühlten uns wie in einer Achterbahn, die nie am Schluss ankommt. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass wir am selben Tag schon unseren Endgegner bezwungen hatten. Somit zog sich der Schluss der Tagesetappe in die Länge. Da wir uns zusätzlich mit unserem Proviant verschätzt hatten, waren wir zunehmend unterzuckert.

Mit dem Fahrrad Yosemite

Ein Tiefpunkt war, als wir am Rand der Straße unsere letzten Reserven an dem schwarzen Gold – Nutella – pur mit dem Löffel aßen. Dieser letzte Zuckerpush brachte uns bis zu einem abgelegenen Campingplatz namens White Wolf. Mit einer LKW-Ladung an Hoffnung sind wir nun zur Campingplatz-Betreuerin, weil dieser Campingplatz eigentlich ein Schild hatte, welches uns unmissverständlich sagte, VOLL! Nach einer langen Unterhaltung durften wir auf einem abseitsgelegenen Platz, der eigentlich für Wanderer reserviert war, unser Zelt aufschlagen. Wieder einmal: In der Not helfen Amerikaner sehr gerne bedürftigen Europäern. Danke dafür! Zwei kleine Nudelsuppen und zwei Bier (Empfehlung: Arrogant Bastard Ale) war unser Abendessen für diesen anstrengenden Tag. Wäre in diese Nacht ein Bär kommen, was im Yosemite National Park schon mal vorkommen kann, dann wäre dieser nicht satt von dannen gezogen. Wir hatten schlichtweg nichts mehr. Am folgenden Morgen mussten wir ohne Frühstück 25 km zur nächsten Einkaufsmöglichkeit, einer gut sortierten Tankstelle, fahren. Dort angekommen folgte ein ausgiebiges Festessen mit saftigen Preisen und der Entscheidung noch ein weiteren Tag im Park zu bleiben. Aus diesem Grund fuhren wir weiter zum Yosemite Valley.

Mit dem Fahrrad Yosemite

Auf dem Weg dorthin hatten wir bezaubernde Ausblicke, Wasserfälle und unser erstes und letztes Tunnel. Für die Nacht kamen wir auf einem first-come, first-served campground unter. Am nächsten Tag machten wir uns auf in das kalifornische Valley, welches zwischen dem Pazifik und dem Sierra Nevada Gebirgszug liegt. Dort erwartete uns die anhaltende Dürre Kaliforniens. Wir sahen hektarweise verdorrtes braunes Gras. Weiter in der Mitte des Valleys begannen die bewässerten Plantagen der Valley-Bewohner. Wir fuhren Stunde um Stunde an Kilometer lange Pflaumen-, Aprikosen-, Organen-, … Plantagen vorbei und fuhren somit wieder Richtung Norden. Über Stockton, Rio Vista, Fairfield, Pentaluma und Tomales näherten wir uns langsam aber sicher unserem Ziel. Auf diesen Etappen mussten wir einmal auf einer Straße mit einem offiziellen Fahrradweg auf dem Standstreifen fahren. Die Straße war mit einer vierspurigen Bundesstraße in Deutschland zu vergleichen. Dem entsprechend war unser Sicherheitsgefühl auf dieser Strecke relativ gering, aber hey – ich schreibe noch – you only live once.

Mit dem Fahrrad Yosemite

Belohnt wurden wir nach Tomales mit unserem ersten Blick auf den stillen Ozean – pacificus – fuckin’ Pazifik! Es war auch ein unbeschreibliches Gefühl das Fahrrad am Strand abzustellen, Schuhe auszuziehen und in die Wellen zu waten. E-u-p-h-o-r-i-e, Glück, Fassungslosigkeit, Verwirrung, Zufriedenheit, Wehmut, Trübsinn – keine Ahnung. Irgendwas von alledem. Eines können wir aber mit Gewissheit sagen, das Wasser war ziemlich kalt. Nach einer Weile des Genießens sind wir weiter um am selben Tag noch die rote Brücke zu erreichen. Es folgte eine abwechslungsreiche Strecke mit kühleren Temperaturen entlang der kalifornischen Küste. Gegen Ende mussten wir durch Sausalito und wären dort fast auf den Highway 101 um über die Brücke zu fahren, aber wir wurden gerade noch davon abgehalten und uns wurde geraten auf einem Fahrradweg das Ziel zu erreichen. Somit verzögerte sich der heißersehnte Ausblick.

Mit dem Fahrrad Golden Gate Bridge

Ziel einer langen Reise

Aber er konnte uns nicht lange verwehrt bleiben – nach 1, 2 km Fahrradweg konnten wir den ersten Blick auf die graziöse rote GOLDEN GATE BRIDGE werfen und dann auch relativ ungestört befahren, da am Wochenende eine Seite der Brücke nur für Fahrradfahrer geöffnet ist. WOW – wir hatten es geschafft. Das zweite unfassbare, nicht beschreibare Gefühl an einem Tag. Hammer. Nach 6875,8 km am zweiten Pfeiler der Golden Gate Bridge. USA durchquert. Coast 2 Coast. Washington war gefühlt ein anderes Leben gewesen. Am Anfang so unerfahren und unsicher gewesen und nun immer noch nicht schlauer, aber mit mehr Vertrauen in das Fahrradreisen ausgestattet. Es kann als Schlussstrich gesagt werden, jeder kann es versuchen die USA per Fahrrad zu durchqueren und es wird klappen. Man muss sich eben selbst zu motivieren wissen. Wenn man an einem Tiefpunkt angekommen ist, gibt es immer ein Lichtblick – hört sich wie eine dämliche Phrase an, aber entspricht der Realität. An den Menschen vor Ort wird es nicht scheitern.

Mit dem Fahrrad Golden Gate Bridge

Abspann

Nach unserer eigentlichen Fahrradreise waren wir noch eine Woche mit dem Auto an der Westküste unterwegs, was auch ziemlich schön und abwechslungsreich war. Des Weiteren hatten wir die Möglichkeit bei einem Mitreisenden in San Francisco für eine Woche unterzukommen. Dies war uns eine unfassbar große Hilfe, da wir dadurch enorm viel Geld gespart haben und uns sorglos auf die Abreise vorbereiten konnten. Zu San Francisco als Stadt kann gesagt werden, dass sie eine zweite separate Reise verdient hat. Die Stadt hat sehr viel Charakter und man kann sehr viel entdecken. Hervorzuheben sind die extrem steilen Straßen und die kreativen Menschen, die die Stadt bevölkern.
Wir danken euch für das aufmerksame verfolgen unserer Reise. Wir fühlen uns geehrt.

Wir danken auch ausdrücklich Schoenhaesslich für die Möglichkeit der Veröffentlichung unserer Erfahrungen auf der Reise und natürlich die Geduld mit uns. Danke.

Mit dem Fahrrad durch die USA

Statistics

  • Total mileage: 6900km (4,312 miles)
  • Days in total: 89
  • Days off: 15
  • Daily average: 92km (58 miles)
  • Hours on bike: 387 h
  • Crosses states: 9
  • Highest point on route: 3448m (11,312 ft), Monarch Pass, Colorado
  • Flat tires: Lukas: 0, Marian: 3
  • New sunglasses: Lukas: 1, Marian: 4

Hier geht es zu Teil 3, Teil 2 und Teil 1 des Reiseberichtes

Johannes
Ein Beitrag von Johannes

Johannes Eich (27) Art Director und Publizist. Steht auf Gin und Altbau. Internetsüchtig im fortgeschrittenen Stadium. Wischt sich mit Hipstern den Arsch ab. Ist selbst einer.

Weitere Beiträge von Johannes lesen
Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nie veröffentlicht oder geteilt.

coast-to-coast-teil4-00